Die
Seidelsche Kameliensammlung
Historische
Kamelien in Tschechien

Kamelie
aus der Sammlung Schloss Lissitz
Vor
über 10 Jahren schickte uns eine Gartenfreundin aus Prag, Lenka
Srnková, einen Artikel über Kamelien in Tschechien. Damit hatten
wir endlich einen Anknüpfungspunkt gefunden; waren wir doch schon
lange auf der Suche nach bei uns verschollenen alten sächsischen
Kameliensorten. Da Tschechien geographisch zwischen den beiden Betrieben
von Jacob Friedrich Seidel in Dresden und Traugott Leberecht Seidel
in Wien liegt, waren hier unsere Hoffnungen besonders groß.
Sie
wurden auch nicht enttäuscht, auch wenn die großen Sammlungen, wie
die im Schloß Sychrov von Kamil Rohan (1801-1892) mit sagenhaften
600 Sorten, oder die des Schlosses von Böhmisch Krummau (Ceský Krumlov)
nicht mehr existieren. Zwischen den historischen Kamelienstandorten
in Tschechien und Deutschland, vor allem in Sachsen, gibt es viel
Gemeinsames. Der Namensgeber dieser einzigartigen Pflanze, Georgius
Josephus Camel (1661 - 1706) wurde als deutschstämmiger Tscheche
im mährischen Brünn geboren.
Wir
begehen in diesem Jahr (2011) seinen 350. Geburtstag. Wie Perlen
reihen sich imposante Burgen und Schlösser, aber auch wundervolle
Gärten und Parks rund um seine Geburtsstadt. In vier Einrichtungen
davon haben Kameliensammlungen ihre Heimstatt. Im Botanischen Garten
Liberec, zu deutsch Reichenberg, nicht weit von Sachsens Grenze,
gibt es eine weitere Sammlung sehr alter Kamelien, die wir seit
1997 immer wieder besuchen.
Der
Botanische Garten Reichenberg (Liberec)
Betritt
man heute den Pavillon I der Schaugewächshäuser, erlebt der Besucher
eine Wunderwelt uralter Kamelien, gepflanzt rund um einen kiesumrandeten
Teich, in dem sich bunte japanische Karpfen tummeln. Die Kamelien
stammen ursprünglich aus dem sagenumwobenen Wallenstein-Schloss
Frydlant. Entstanden aus einer Burg aus der ersten Hälfte des 13.
Jahrhunderts erwarb es 1622 Herzog Albrecht von Wallenstein. Nach
der Ermordung Wallensteins 1634 in Eger kaufte die Familie Gallas
das Anwesen, welche mit ihrem Zweig Clam-Gallas bis 1945 dort residierte.
Christian
Philip Clam-Gallas, ein Musik- und Kunstfreund, der auch die Bekanntschaft
zu Beethoven pflegte, legte den bekannten Prager Garten Klamovka
an. Sein Enkel Eduard Clam-Gallas (1805 - 1891) bepflanzte in den
sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts den bisher kahlen Schlossberg
mit seltenen Gehölzen. Wer die Kamelien nach Frydlant holte, ist
durch Quellen nicht belegt. Das Interesse an Gärten und Pflanzen
war wohl der ganzen Familie gegeben. Eine von Karl Postl Ende des
18. Jahrhunderts gefertigte Ansicht zeigt unterhalb des Schlossberges
bereits eine großzügige Garten- und Orangerieanlage.Hier
wurden die Kamelien in Kübeln gehalten.
Nach
Abriss der Orangerie gelangten die Kamelien 1954, nach anderer Quelle
1956, in den Reichenberger Botanischen Garten. Der Garten wurde
1876 von den Naturfreunden Reichenbergs gegründet, mußte aber bald
einem Museumsneubau weichen. Seit 1895 öffnete er am jetzigen Standort
seine Tore und ist damit der älteste Botanische Garten der Tschechischen
Republik. Im Jahre 1930 baute man dort das erste Palmenhaus. Zwischen
1995 und 1999 wurde eine 3000 qm große Neuanlage und damit die größte
Gewächshausfläche eines Botanischen Gartens in Tschechien errichtet.
Von
oben betrachtet, wirken die 9 Pavillons wie eine Anhäufung von Pflanzenzellen.
Den besonderen Reiz macht das Begehen in zwei Etagen aus. So kann
der Besucher unter den alten Kamelien entlang wandeln, aber auch
von oben in die mächtigen Kronen schauen.
In
Vorbereitung des Umpflanzens wurden die 6 ältesten Kamelien im Jahre
1996 bereits ringsherum abgegraben, da sie seit 1956 im freien Grunde
standen. Es zeugt von hohem gärtnerischem Geschick, dass sich heute
alle Pflanzen bester Gesundheit erfreuen. Laut einer Publikation
des Botanischen Gartens (H. Pelcova) aus dem Jahre 1985 sollten
die Kamelien damals 280 - demnach heute über 300 Jahre - alt sein.
Selbst
wenn man in Rechnung stellt, dass Kamelien in Kübeln sehr wenig
an Stammumfang zunehmen, erscheint diese Angabe sehr unwahrscheinlich.
Gehen wir von den bisher wieder bestimmten Sorten aus - 'Althaeiflora'
aus dem Jahre 1825 und 'Imbricata Rubra' von 1830 - handelt es sich
wohl eher um ein Sortiment aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts.
Damit gehören die Reichenberger Kamelien durchaus zu den ältesten
in Europa und jeder Besucher wird von den Stammumfängen und mächtigen
Kronen beeindruckt sein.
Dem
Direktor der Sammlungen, Dr. Miloslav Studnicka und seinen Gärtnern,
gilt unser herzlichster Dank für den Erhalt und den vortrefflichen
Kulturzustand. Weiterhin gibt es noch eine Reihe Kamelien jüngeren
Datums zu besichtigen. Die Blüte beginnt Ende Dezember und reicht
weit in den Januar hinein. Zur Blütezeit im Winter sind die Gewächshäuser
täglich von 8 - 16 Uhr geöffnet.
www.botanickazahradaliberec.cz
Pruhonitz
(Pruhonice)
Als der bekannte Dendrologe und Zierpflanzenforscher, Herr Ing.
Karel Hieke, im Institut für Zierpflanzenbau Pruhonice, nicht
weit von Prag, mit seinen Untersuchungen an Kamelien begann, stand
ihm ein dort vorhandenes Sortiment zur Verfügung. Er vermutet,
dass es aus Dresden stammt. Tatsächlich ist die Dresdner Sammlung
von T.J. Seidel (heute in Zuschendorf) und der heute in Raitz
(Rájec nad Svitavou) befindlichen, ehemals Pruhonitzer, in großen
Teilen sehr ähnlich.
Für
seine Versuche ergänzte Karel Hieke die vorhandene Kollektion um
einige Sorten aus England von Hillier (Winchester). Zu folgenden
Themen führte Ing. Karel Hieke Forschungen durch:
- Der Einfluß von Licht und anderen Faktoren auf das Wachstum und
die
Wurzelbildung der Kamelientriebe, 1965.
- Beitrag zur Frage des Wachstums und Blühens der Kamelien, 1966.
- Beitrag zur Frage des Wachstums und Blühens der Kamelien, II.
Die Reichhaltigkeit des Blühens der Pflanzen, 1967.
Nach
Beendigung der Versuche wurde die Sammlung in Pruhonitz (Pruhonice)
aus Platzgründen aufgegeben. Geteilt kamen die Pflanzen in zwei
Schlösser Mährens. Die eine Hälfte wurde in der Schlossorangerie
von Austerlitz (Slavkov) ausgepflanzt. Später wurden Reste davon
in den Schlossgarten von Buchlovice umgesiedelt. Den zweiten Teil
der Sammlung bekam im Juni 1973 der Garten des staatlichen Schlosses
Raitz an der Svitava (Rájec nad Svitavou).
Schloss
Raitz an der Svitava (Rájec nad Svitavou)

Das klassizistische Schloss französischen Typs wurde durch die Angehörigen
des Adelsgeschlechts der Salms in den Jahren 1763-1769, wahrscheinlich
nach den Plänen des Wiener Architekten französischer Herkunft Isidor
Caneval, erbaut. Gleichzeitig mit dem Bau des Schlosses wurde im
Jahre 1767 auch der dortige Garten angelegt, der zu Beginn des 19.
Jahrhunderts in einen Landschaftspark umgestaltet wurde.
Im
ersten Stock des Schlosses ist die Gemäldesammlung der Salms, vorrangig
mit Werken von holländischen und flämischen Meistern untergebracht.
Im Erdgeschoss befindet sich eine umfangreiche und sehr beeindruckende
Bibliothek im Empirestil. Für botanisch und gärtnerisch Interessierte
gibt es im gleichen Geschoss das originale, um 1780 entstandene
Blumenkabinett von Amalie Mánes zu besichtigen. Die Holztäfelung
ist mit verschiedenen Blütenpflanzen wie Clematis, Pelargonien,
Hortensien und vielen mehr bemalt. Kamelien gibt es nicht. Überhaupt
ist kein historischer Bezug zu dieser Pflanze nachgewiesen.
Als
1973 die Pruhonitzer Kameliensammlung eintreffen sollte, mußten
vorher die vorhandenen Pflanzen auf andere Schlösser gebracht werden.
Für den damaligen Schlossgärtner František Bárty war es kein leichter
Abschied von den hochbetagten Palmen der Arten Chamaerops elegans
und Phoenix canariensis, den Agaven (Agave americana)
und Schneebällen (Viburnum tinus).
In
Pruhonitz waren die Kamelien ausgepflanzt, was auch die zum Teil
beachtlichen Stammdurchmesser erklärt. Die meisten Pflanzen überstanden
Transport und Eintopfen recht gut. So umfaßt die heute umfangreichste
Sammlung in Tschechien allein 85 größere Pflanzen aus dem Pruhonitzer
Altbestand. Jan Dvorák, der Gärtner, der die Kamelien in Raitz über
lange Zeit pflegte, führte auch eigene Kreuzungen durch und konnte
so das Sortiment weiter ergänzen. Insgesamt
gehören heute fast 150 Arten und Sorten zur Kollektion. Viele der
älteren Sorten wie Althaeiflora (1825), Auguste Delfosse (1853),
Bernhard Lauterbach (1956), Colombo (1840), Lady Campbell (1824),
Mathotiana Alba (1858) und Alba Plena (1792) sind mit dem Seidelsortiment
identisch.
Unterhalb
von Schloss und Park, begrenzt von Mauern und einer Straße, befindet
sich die in Terrassen angelegte Gärtnerei. Im unteren Teil erstrecken
sich klassische Frühbeete, weiter oben gibt es Beete. Seitlich wird
die Gärtnerei durch zwei mittig erschlossene Anlehngewächshäuser
begrenzt. Eine Etage tiefer ergeben schräg angelehnte Glaswände
weitere Überwinterungsräume. Im rechten der beiden Anlehngewächshäuser
steht in großen Töpfen die Kameliensammlung.
Im
Sommer werden die Pflanzen in einer Schattenhalle im Freien aufgestellt.
Das linke Haus, mit zwei Rand- und einem abgetreppten Mitteltisch,
beherbergt Fuchsien, Myrten, Zitronen, Orangen, aber auch jüngere
Kamelien. Eine Nische in der Rückwand ist mit einer weiblichen Bronzefigur
geschmückt, darunter ein Wasserbecken mit Goldfischen. Der Besucher
fühlt sich in eine weit zurückliegende, romantische Zeit versetzt.
In den letzten Jahren wurden Teile der Gewächshausanlage rekonstruiert.
Im
Februar und März kann eines der Häuser besichtigt werden. Seit 1993
wird mit den Raitzer Kamelien in Brünn (Brno) oder in einem umliegenden
Schloss, immer Ende Februar bis Anfang März, eine Schau mit wechselnder
Thematik gestaltet. Da gibt es Kamelien mit Holz, mit Glas, mit
Spitzen und vielem mehr. Aufwendig werden Festtafeln geschmückt,
Blumenvasen gefüllt und anderweitig das originale Interieur der
Schlösser floristisch eingebunden. Großen Anteil an den Gestaltungen
hat Evžen Kopecký, der Kameliengärtner von Schloss Lissitz (Lysice),
der seit der Pensionierung von Jan Dvorák im März 2009 auch für
die Raitzer Kamelien verantwortlich ist.
www.npu.cz
Schloss
Buchlowitz (Buchlovice)

Nachdem
Herr Ing. Karel Hieke seine Versuche im Zierpflanzeninstitut in
Pruhonitz (Pruhonice) beendet hatte und die dortige Kameliensammlung
aufgelöst wurde, gelangte auch ein Teil der Kollektion über Austerlitz
(Slavkov) nach Buchlowitz (Buchlovice).
Die
einzigartige Architektur, die umfangreichen Sammlungen, seine ruhmreichen
Schlossherren und seine historische Stellung während der letzten
Jahre der Donaumonarchie machen das barocke Schloss zu einem Ort,
dessen Bedeutung weit über die Grenzen Tschechiens hinausreicht.
Mit dem Bau des Schlosses begann Graf Johann Dietrich Peterswald
kurz vor der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert. Er wollte es seiner
Gemahlin Anna Eleonora aus dem italienischen Geschlecht der Colonna
zum Geschenk machen.
So
entstand durch den Architekten Domenic Martinelli das reinste Beispiel
einer italienischen Barockvilla im mitteleuropäischen Raum. Das
Ensemble besteht aus zwei gegenüberliegenden Gebäuden: Dem Unteren
Schloss, als Herrensitz mit großem Saal und Ehrenhof und dem Oberen
Schloss, als Wohn-, Wirtschafts- und Verwaltungssitz. Kurz vor Beginn
des I. Weltkrieges entschieden hier die vordersten Politiker der
damaligen Zeit über das Schicksal Europas.
Der
ursprünglich terrassierte Barockgarten im italienischen Stil wurde
Anfang des 19. Jahrhunderts zu einem ausgedehnten englischen Park
umgestaltet. Hier ist eine exzellente dendrologische Sammlung zu
entdecken. Das umfangreiche Rhododendronsortiment stammt, wie auch
die Kamelien, aus dem Zierpflanzeninstitut Pruhonice. Auch zur Schlossgärtnerei
haben Besucher Zugang. Dort gibt es u.a. eine bedeutende Fuchsiensammlung
von etwa 1000 Sorten zu sehen.
In
einem architektonisch sehr interessanten Orangeriegewächshaus aus
dem Jahre 1888, auch Palmenhaus genannt, sind die Kamelien untergebracht.
Da sie aus gleicher Quelle wie die Raitzer (Rájec nad Svitavou)
Pflanzen stammen, ist das Sortenspektrum ähnlich. Auch hier stammt
vermutlich der größte Teil ursprünglich aus Dresden. Herr Dipl.Ing.
Pavel Vlášek war langjähriger Hüter und kenntnisreicher Mehrer der
Pflanzensammlungen. Schon sein Vater war Gärtner in Buchlowitz,
was den Sohn schon von Kindesbeinen an mit dem Park verband.
www.zamek-buchlovice.cz
Schloss
Lissitz (Lysice)

Die
Auferstehung der Winterkönigin - schöner kann der Beginn der Kamelienblüte
nicht angekündigt werden. So war ein Zeitschriftenartikel ("Zahrádkár"
zu deutsch "Gärtner") vom Februar 2002 überschrieben und meinte
die Auferstehung im doppelten Sinne, denn es ging auch um die Geschichte
einer Rettung von Kamelienpflanzen, deren Weg in Dresden begann
und in Lissitz sein gutes Ende fand.
Doch
nun zuerst zum Ort selbst: Aus einem Wasserschloss entstand in der
ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ein Renaissance- und in den 30er
Jahren des 18. Jahrhunderts ein Barockschloss. Vom barocken Umbau
ist heute nur noch die Fassade am Eingang erhalten. Die letzten
adligen Schlossherren waren seit Anfang des 19. Jahrhunderts die
Dubskys von Strebomislitz, denen das Schloss sein heutiges klassizistisches
Aussehen verdankt. Zum Interieur, zu bewundern auf zwei Stockwerken,
gehören unter anderem eine Sammlung mit böhmischem Glas und eine
Vielzahl von Kunstgegenständen aus dem Orient.
In
der Rüstkammer kann neben Waffen europäischen Ursprungs aus der
Zeit der Gotik bis zum ersten Weltkrieg auch eine Sammlung japanischer
Waffen besichtigt werden. Einzigartig ist die Sammlung handbemalter
Zielscheiben aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Eine der
drei historischen Schlossbibliotheken ist nach der bekannten österreichischen
Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach, geborene Gräfin Dubský,
benannt.
Der
Park wird durch eine mit einer Pergola überdachte, auf mächtigen
Säulen lagernde Kolonnade dominiert. So konnten die Schlossbewohner
bei jedem Wetter trockenen Fußes ihren Park aus angemessener Höhe
betrachten. Auf einem Gemälde von 1779 (Ervin Dubský) sind deutlich
zwei große Orangeriegebäude zu sehen. Diese wurden abgerissen, nachdem
um 1870 ein kleines Stück weiter oben, auf der ehemaligen Brauerei,
eine neue errichtet wurde.
Die
heute sorgfältig restaurierte Überwinterungsanlage gliedert sich
in Orangerie und Glashaus im Obergeschoß und in darunterliegende
Anlehngewächshäuser. In dem sich anschließenden Wohnturm wohnt der
Gärtner. Hinter der Orangerie befindet sich ein schlichter Holzbau.
Dieser ist jedoch eine selten erhaltene Rarität, ein Überwinterungshaus
für Feigen (Ficus carica), dessen Lüftungsklappen an der
Stehwand über Zahnstangen seitlich verschiebbar sind.
Die
Kamelien stehen wegen ihrer Größe, z.T. über 4 m hoch, im Orangerieteil.
Auffallend sind ihre, durch lange Stämme und kleine Kronen hervorgerufenen,
außergewöhnlichen Gestalten, die sicher mit ihrer Vorgeschichte
zusammenhängen: Nach der Bombardierung Dresdens, in der Endzeit
des II. Weltkrieges, soll sie ein Gärtner mit nach Karlsbad (Karlovi
Vary) gebracht haben. Dem Vernehmen nach stammen sie aus dem Dresdner
Botanischen Garten. In Karlsbad fanden sie in der Stadtgärtnerei
eine neue Heimat.
Nach 1989 mußte diese aber einem Hotelneubau weichen. So kamen die
Kamelien in die Pflege der Bäderparkaufsicht, wurden neben den Heilquellen
aufgestellt und vermutlich auch mit mineralischem Quellwasser gegossen.
Die Kamelien verloren ihre Blätter. Auf der Suche nach Rettung bat
Frau Ing. Dana Petrlíková den Lissitzer Gärtner Evžen Kopecký um
Hilfe.
Die
Pflanzen der dortigen Orangerie waren in der Nachkriegszeit verloren
gegangen; es gab also noch etwas Platz.
Unter
den geschickten Händen des Gärtners erholten sich die Pflanzen und
sehen heute wieder prächtig aus. Zwei der sechs Pflanzen konnten
der Sorte 'Chandlers Elegans' (1831) zugeordnet werden, eine weitere
ist 'Lady Campbell' (1824). Drei Pflanzen sind noch nicht wieder
eindeutig bestimmt. Das Alter wird auf etwa 100 Jahre geschätzt.
Die Orangerie ist für das Publikum zugängig. Die Saison beginnt
im April und endet im Oktober, montags ist das ganze Schloßensemble
geschlossen.
www.zameklysice.cz
Kremsier
(Kromeríž)
Der traditionellste und ursprünglichste Ort für Kamelien in Tschechien
ist der Blumengarten von Kremsier. So wie wir es hier authentisch
erleben, müssen wir uns Mitte des 19. Jahrhunderts die meisten Kameliensammlungen
in Mitteleuropa vorstellen: Die Kamelien sind in Holzkübel gepflanzt,
im Sommer im Freien aufgestellt und in der kalten Jahreszeit überwintern
sie in einer Orangerie. Sicher waren die 41 Kamelienbäume von Kremsier
von ihrer Jugend an hier an diesem wunderschönen Ort.
Dessen
Geschichte ist aber bedeutend älter: Kremsier, das ist eine wunderbar
restaurierte Altstadt, zwischen dem "Unteren Park" mit dem erzbischöflichen
Schloß und dem "Blumengarten" gelegen. Das Gesamtensemble ist nicht
nur nationales Kulturdenkmal, sondern zählt auch zum UNESCO-Weltkulturerbe.
Talwärts liegt das imposante Erzbischöfliche Schloß. In den oberen
Räumen können Bilder von Tizian, Cranach, Dürer, Breughel und vielen
mehr in einer Gemäldegalerie bestaunt werden.
Diese
gilt als zweitwichtigste Sammlung nach Prag und geht auf Bischof
Karl II. von Lichtenstein-Castelcorn zurück. Die 1694 gegründete
Bibliothek erlebt der heutige Leser in der Fassung von 1758 mit
barockem Interieur und einer imposanten Deckenmalerei von J. Stern.
Die Bestände umfassen 33.641 Bände, darunter 304 Handschriften,
180 Erstdrucke, 1178 Werke aus dem 16. Jahrhundert.
Auch
für gärtnerisch Interessierte ist vieles dabei. Nach und nach werden
die Bestände digitalisiert und somit zugängig gemacht. Vom Hauptgebäude
aus im Keller, aber auf einer Ebene mit dem Park, öffnen sich große
Fenstertüren zum Garten. Herrliche Gewölbe, Grottenarchitektur mit
Erzbergwerk und lebensgroße Figuren bieten dem Betrachter prägende
Bilder.
Treten
wir nun in den 45 ha großen romantischen Landschaftspark hinaus.
Durch den Fluß March mit Seitenarmen und Teichen durchzogen, wandelt
der suchende Dendrologe über viele Brücken und verschlungene Pfade
und findet allein 48 Nadelbaum- und 153 Laubbaumarten aus Südeuropa,
Nordamerika und Ostasien. Neben Tempel, Kolonnade und anderen Kunstwerken
wenden wir unsere Aufmerksamkeit dem Chinesischen Pavillon am wilden
Teich, als Ausdruck der damaligen Chinamode, zu.
Wenn
wir vom "Unteren Garten" nun wieder Richtung Stadt nach oben gehen,
können wir noch den Erzbischöflichen Weinkeller streifen. Immer
tiefer, von einem Keller zu einem noch darunter liegenden, lagern
hier riesige Fässer voller Messwein. Über den Markt und die sorgfältig
restaurierte Altstadt kommen wir nun unserem Ziel, dem Blumengarten,
und damit den Kamelien näher. Hinter der Stadtmauer ließ der bereits
erwähnte Fürst und Bischof Karl II. von Lichtenstein-Castelcorn
(1664-1695) nach dem Dreißigjährigen Krieg durch die Kaiserarchitekten
Filiberto Lucchese und seinen Nachfolger Giovanni Pietro Tencalla
einen 485 x 300 m bemessenen Lustgarten im Stil der Spätrenaissance
erbauen.
Seitlich
befindet sich eine 244 m lange Kolonnade mit 44 Statuen in Überlebensgröße.
Vorsicht vor der besonderen Akustik! Selbst geflüsterte Worte hört
man am anderen Ende des Bauwerkes noch deutlich. In der Mitte des
Gartens steht eine achteckige Rotunde. Drinnen sind künstliche Grotten,
Statuen und Fresken italienischer Meister. Von den vielen Höhepunkten
im Garten seien hier nur ein runder und ein viereckiger Irrgarten,
Teiche, Springbrunnen und mythologische Figuren erwähnt.
Bereits
zur Zeit der Entstehung befanden sich im Garten Gebäude zur Kultivierung
und auch zur Überwinterung wärmeliebender Kübelpflanzen. Bedeutend
war die heute nicht mehr erhaltene große Orangerie aus dem 17. Jahrhundert
mit ihrer demontierbaren Holzkonstruktion. Daneben gab es noch eine
Reihe weiterer Anzuchthäuser, v.a. zur Kultivierung von Zitrus-
und Ananaspflanzen, sowie Feigen.
Betritt
man heute durch das Torhaus den Garten, bietet sich dem Besucher
ein zwischen 1840-45 unter dem Architekten Anton Arche erbautes
Ensemble. Rechts erstreckt sich die warme Orangerie, auch Palmenhaus
genannt Dieses Pflanzenhaus ist ein recht zierlicher Bau mit auffälliger
verglaster Dachlüftung und großen Fenstern (seine Länge beträgt
35 m, die Breite 8 m und die Höhe 10 m).
Linkerhand,
mit 80 m mehr als doppelt so lang als das Palmenhaus und daher auch
das Torhaus schneidend, steht das Große oder auch Kalthaus. Das
15 m breite Gebäude wird zur Überwinterung von Kübelpflanzen genutzt.
Diese werden in den Sommermonaten auf dem zwischen den beiden Häusern
liegenden Ehrenhof aufgestellt. Zu diesem Bestand gehören 41 Kamelien,
in Holzkübel gepflanzt und teilweise beachtliche 4 - 5 m hoch.
Zu
den bereits wieder bestimmten, gehören Sorten, wie Saccoi (1839),
Lady Campbell (1824), Imbricata Rubra (1824), Anemoniflora (1808)
und Incarnata (1806). Aus den angegebenen Zuchtjahren wird deutlich,
dass die Sammlung sich mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die erste
Hälfte des 19. Jahrhunderts datieren läßt und damit zu den ältesten
Europas gehört.
Den Gärtnern des Blumengartens sei für die tägliche Pflege gedankt.
Als Schloßdirektor, wie auch heute noch im wohlverdienten Ruhestand
hat sich Herr Ing. Jirí Cermák unermüdlich für die Kamelien eingesetzt
und sie weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht.
www.zamek-kromeriz.cz
Alle
vier mährischen Kamelienstandorte werden durch das staatliche Denkmalinstitut
in Brünn verwaltet. Seit unserem ersten Besuch, gemeinsam mit dem
Gartenmeister des Pillnitzer Schloßparkes Wolfgang Friebel im Jahre
2002, pflegen wir einen regen Austausch. Ein großer Teil der tschechischen
Sorten wurden von uns vermehrt und wachsen nun auch in den Zuschendorfer
Sammlungen. Das erleichtert die Sortenbestimmung und sichert zusätzlich
das genetische Potential. Sofern es der Platz in den tschechischen
Anlagen zuläßt, gilt das natürlich auch umgekehrt.
Fast
überall wächst inzwischen ein Nachkomme der alten Pillnitzer Kamelie.
Während sich die Geschichte der Sammlungen von Buchlowitz, Raitz
und Lissitz mit hoher Wahrscheinlichkeit nach Dresden verfolgen
läßt, bleibt die der ältesten Pflanzen in Kremsier und Reichenbach
im Dunkeln. Da es sich um Sortimente aus der Frühzeit der Kamelienkultur
in Europa handelt, schränkt das die Herkunftsmöglichkeiten stark
ein.
Die
damals bekanntesten und auch auf Export orientierten Betriebe waren
Jakob Friedrich Seidel in Dresden und der deutschstämmige Conrad
Loddiges in Hackney, unweit von London. Letztendlich aber vermehrten
beide Großgärtnereien die ursprünglich gleichen Pflanzen. Es waren
die frühen Einfuhren, die englische Schiffe seit 1792 aus China
mitbrachten.
Zuschendorf,
im Januar 2011